Treffpunkt Forschung
Forum für Ihre Forschungsprojekte
Wissenschaft lebt von Vernetzung und Diskussion. Daher bietet die Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg hier Promovierenden und Habilitierenden aus dem Themenfeld der geschichtlichen Landeskunde ein Forum, um ihre Forschungsprojekte vorzustellen und miteinander in Kontakt zu treten.
Herzlich dazu eingeladen sind alle, die in Landesgeschichte, Geographie, Archäologie, Volkskunde, Kunstgeschichte, Kirchengeschichte, Literaturwissenschaft, Rechtsgeschichte und verwandten Disziplinen zu Themen aus dem deutschen Südwesten forschen.
Bitte schicken Sie ein Abstract Ihres Forschungsvorhabens per E-Mail an die Kommission.
Folgende Informationen sollten enthalten sein:
Vorname, Nachname
Arbeitstitel
Universität und Fachbereich, an der die Arbeit eingereicht wird
E-Mail-Adresse, die veröffentlicht werden darf
Projektskizze (max. 1.200 Zeichen, inkl. Leerzeichen)
Sonderstipendium
Die Kommission für geschichtliche Landekunde vergibt in Zusammenarbeit mit der Graduiertenakademie der Universität Heidelberg seit 2013 ein Sonderstipendium zur Förderung eines Promotionsvorhabens im Bereich der geschichtlichen Landeskunde Baden-Württembergs.
Dissertationsprojekt
Sarah Adler M.A.
Universität Freiburg, Institut für Archäologische Wissenschaften, Abt. Urgeschichtliche Archäologie
Das früheisenzeitliche Gräberfeld von Rottenburg-Lindele (Ldkr. Tübingen)
Die hallstatt- und frühlatènezeitliche Nekropole von Rottenburg-Lindele zählt mit rund 80 Grabhügeln zu den bedeutendsten und ergiebigsten eisenzeitlichen Gräberfeldern Südwestdeutschlands. Im Rahmen des Promotionsvorhabens werden die über 270 Grablegen einer umfassenden typochronologischen und stratigraphischen Auswertung unterzogen. Ziel ist die Rekonstruktion einer detaillierten Belegungsabfolge sowie die Analyse des Gräberfelds als Ort der Gemeinschaftsbildung und Erinnerungspflege. Begräbnissitten, Fernkontakte und religiös-symbolische Aspekte werden in Relation zum unmittelbaren Umfeld und übergeordneten kulturellen Gefüge untersucht. Seit Juli 2025 wird das Forschungsvorhaben durch das Peter Goessler Stipendium gefördert.
Dissertationsprojekt
Annick Benz
Universität Mannheim, Historisches Institut, Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte
Anders als die Anderen? Queere Selbstbilder und Gesellschaftsentwürfe im Rhein-Neckar Raum 1970- ca.1995
Die Dissertation untersucht, wie lesbische Frauen und schwule Männer in der Bundesrepublik seit den 1970er Jahren Zugehörigkeit herstellten und sich als gesellschaftlich relevante Gruppe positionierten. Ausgehend von der „Ehe für alle“ als Ergebnis langfristiger Liberalisierung fragt sie nach den sozialen, politischen und kulturellen Bedingungen dieses Wandels. Im Zentrum stehen Selbstzuschreibungen, Gesellschaftsentwürfe und Konflikte zwischen Differenzdenken, Emanzipation und Integration.
Am Beispiel des Rhein-Neckar-Raums analysiert die Arbeit die Wechselwirkung von öffentlichen Aktionen und erreichter Sichtbarkeit sowie politischer Arena.
Methodisch verbindet das Projekt Regionalgeschichte, transnationale Geschichte, Diskursanalyse und Neue Ideengeschichte. Es rekonstruiert Stigmatisierung, Subkulturen, innere Konflikte, Einflüsse der Gay Liberation, die AIDS-Krise und die Konsolidierung der 1990er Jahre. So zeigt die Studie, unter welchen Bedingungen der Aufbruch in die Mitte der Gesellschaft gelang und leistet einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaftsgeschichte der Gegenwart.
Dissertationsprojekt
David Brechbilder M.A.
Universität Mannheim, Historisches Institut, Lehrstuhl für Zeitgeschichte
Die „Zukunftschancen eines Industrielandes“ zwischen Dystopie und Pragmatismus: Die Wissenschaftspolitik Baden-Württembergs in der Ära Späth (1978-1991)
Gezeichnet von den Rezessionserfahrungen der 1970er und alarmiert durch den Erfolg asiatischer Industrienationen wie Japan, initiierte Ministerpräsident Lothar Späth eine Kampagne mit dem Ziel, durch die Förderung von Forschung und Wissenstransfer die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit Baden-Württembergs in sogenannten Schlüsseltechnologien zu gewährleisten. Hiervon profitierten u. a. die Landesuniversitäten, die sich konstruktiv einbrachten und so auch gestalterisch in die Wissenschaftspolitik eingreifen konnten. Zahlreiche Kommunen erfuhren durch Kooperationsmaßnahmen dieser „Späth’schen Zukunftsagenda“ – so z. B. die „Wissenschaftsstadt Ulm“ – konjunkturellen Aufschwung.
Neben den meist pragmatischen Maßnahmen der Landesregierung prägte ein ideologischer Konflikt die Wissenschaftspolitik. Der Aufstieg der Grünen und das wachsende ökologische Bewusstsein in der Gesellschaft machten Wissenschaft und Technologie zu einem Zankapfel der „akademischen“ Rechten wie Linken. Einen Streit, den beide Seiten mit dystopischen Narrativen führten. Fürchteten erstere den wirtschaftlichen wie kulturellen Zerfall, kämpften zweitere gegen die Vision einer technokratisch-industriell verwüsteten Welt.
Dissertationsprojekt
Miriam Eberlein M.A.
Universität Stuttgart, Historisches Institut, Abt. Landesgeschichte
Die medizinische Fakultät Tübingen 1477 – ca. 1535
Die Untersuchung verortet sich im thematischen Umfeld der so genannten „gelehrten Medizin“ am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit und ihrer Funktion in der vormodernen Gesellschaft. Im Fokus steht die Frage, unter welchen Bedingungen dieses Wissen tradiert, aber auch modifiziert wurde, durch wen, an wen und wie die Vermittlung stattfand und welche Faktoren sich hieraus benennen lassen, die wiederum zur Modifikation des Wissens beitrugen. Die Arbeit versteht sich als Fallstudie, die diese Frage für das Beispiel der Medizinischen Fakultät Tübingen betrachtet.
Über einen biografischen (Professoren-) und prosopografischen (Studenten-) Zugang wird versucht, Lehre und Studium an der Tübinger Fakultät im Kontext der europäischen Universitätslandschaft darzustellen. Ein weiterer Aspekt berührt herrschaftsgeschichtliche Fragestellungen: Die medizinische Fakultät erscheint als Inhaber von Privilegien und bestimmter Kontrollfunktionen als Akteur der Obrigkeit, die im Laufe des 16. Jahrhunderts das „Gesundheitswesen“ zunehmend durchdringen wird.
Dissertationsprojekt
Simon Götz
Universität Konstanz, Fachbereich Geschichte und Soziologie, AG Mittelalterliche Geschichte
Rechenschaft ablegen: Frömmigkeit, Ökonomie und Klosterreform um 1500. Das Konstanzer Frauenkloster Zoffingen
Als eines der letzten Dominikanerinnenkonvente vor der Reformation wurde das Kloster St. Katharina in Konstanz (genannt Zoffingen) einer Reform unterzogen. Bischof Hugo von Hohenlandenberg ordnete 1497 die Reform durch Schwestern des St. Galler Konventes an. Im Zentrum der Reform eines nicht-inkorporierten Konventes – durch die Schwestern einer ebenfalls nicht-inkorporierten Gemeinschaft – stand zunächst die Neuordnung von Ökonomie und Verwaltung. Als zweite Säule der Reform wurde die geistige Erneuerung anvisiert. Im Rechnungsbuch des Klosters wird über beide Bestandteile der Reform (Ökonomie und Spiritualität) Rechenschaft abgelegt. Diese einzigartige Quelle, die mehrere Reformphasen deutlich macht und bis 1533 fortgeführt wurde, legt die Verbindungen in das laikal-städtische und das bischöfliche Umfeld des Klosters offen.
Das Promotionsprojekt untersucht die Geschichte des Konventes zwischen Reform und Reformation neu und versucht diese in einem Reformnetzwerk und der kaufmännisch handelnden Umwelt zu verorten. So soll der Frage nachgegangen werden, ob sich ein Eigenprofil der Reform eines Frauenkonventes um 1500 erkennen lässt, das insbesondere auf ökonomische Umstrukturierung abzielte, was sich in pragmatischer Schriftlichkeit niederschlug. Die in das Projekt integrierte Edition des Rechnungsbuchs liefert wichtige Neuerkenntnisse zur Prosopographie des Bodenseeraumes.
Dissertationsprojekt
Joshua Haberkern
Universität Mannheim, Lehrstuhl für Zeitgeschichte
Eine neoliberale Wende? Die Wissenschafts- und Hochschulpolitik in Baden-Württemberg zwischen den 1980er und 2010er Jahren
Die massive Hochschulexpansion der 1960er und 1970er Jahre mitsamt einer Multiplizierung der Studierendenzahlen machte eine tiefgreifende Reform der bundes-deutschen Universitätslandschaft unumgänglich, allein ihre Ausgestaltung blieb zeitgenössisch wie retrospektiv höchst umstritten. Dieses Promotionsvorhaben hat das Ziel, durch akteurszentrierte wie netzwerk- und systemtheoretische Zugänge den komplexen Aushandlungsprozess dieser Reform von den späten 1980er Jahren bis in die frühen 2010er nachzuverfolgen, in dessen Verlauf mehrere „ökonomische“, „unternehmerische“ und nicht zuletzt eine graduelle Bologna-Studienreform die Wissenschaftslandschaft nachhaltig prägten.
Als Fallbeispiel dient der Promotion die Wissenschaftspolitik des baden-württembergischen Wissenschaftsministeriums (MWK). Abgesehen von einer erstmaligen chronologischen Erfassung der Umsetzung dieser Hochschulreformen ist es außerdem das Ziel dieser Arbeit, grundsätzliche Terminologien der wissenschaftspolitischen Ära – von „Neoliberalisierung“ über „Bildungsutilitarismus“ bis hin zur „Hochschulautonomie“ – in ihrer ideengeschichtlichen Genese zu verfolgen und auf ihre analytische Präzision hin zu untersuchen.
Dissertationsprojekt
Oliver Haller
Universität Stuttgart, Historisches Institut, Abt. Landesgeschichte
Die Juristenfakultät an der Universität Tübingen 1534-1601
Die Universität Tübingen wurde 1477 gegründet. Im Rahmen des Dissertationsprojekts wird ihre juristische Fakultät in dem Zeitraum untersucht, der mit der Reformation des Herzogtums Württemberg 1534 begann und unmittelbar vor dem Inkrafttreten der Universitätsreform des Jahres 1601 endete. Die Arbeit wird eine Darstellung der Bestimmungen zur Organisation der Juristenfakultät, die Biographien von 25 besoldeten und zwei nicht besoldeten Professoren, die im Untersuchungszeitraum dort lehrten, und ein Werkverzeichnis beinhalten. Die mutmaßliche Besetzung der Professuren wird sich anhand eines Anhangs und zugehöriger Erläuterungen nachvollziehen lassen. In einem Analysekapitel werden unter anderem Beobachtungen zum Profil des Lehrkörpers, zur Besoldung und zum Austausch zwischen den Herzögen und der Universität oder der Juristenfakultät im Zusammenhang mit Berufungen festgehalten.
Habilitationsprojekt
Dr. Senta Herkle
Universität Stuttgart, Historisches Institut, Abt. Landesgeschichte
Die Implementierung von Herrschaft und der Eigensinn der neuen Untertanen. Die Integration Vorderösterreichs in den deutschen Süden und die Schweiz (1800-1830)
Die territorialen und politischen Veränderungen in der europäischen Staatenordnung, die durch die napoleonische Herrschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts ausgelöst worden waren, wirkten sich besonders stark auf den deutschen Süden aus. In diesem Kontext wurde das Gebiet Vorderösterreichs unter den Staaten Baden, Bayern, Württemberg und der Schweiz aufgeteilt. Diese Ausgangsposition lässt eine umfassende komparative Analyse zu, die es erlaubt, die unterschiedlichen Strategien und Wechselwirkungen der jeweiligen Obrigkeiten bei der Integration des vorderösterreichischen Gebiets synchron zu untersuchen und die Reaktionen der Untertanen auf diesen Herrschaftswechsel sichtbar zu machen. Dabei wird staatliche Herrschaft als komplexer, dynamischer Prozess verstanden, in dem Herrschaft und Untertanen in einen Aushandlungsprozess eintraten. Dieser Aushandlungsprozess bildet sich vor allem in Konfliktfällen ab: Die Untersuchung nimmt deshalb speziell Spione, Hochverräter und Aufständische in den Blick, die sich gegen die neue Herrschaft und für die Rückkehr in das Habsburgerreich einsetzten.
Das besondere Erkenntnispotential der Studie liegt in ihrem komparativen Vorgehen, das auf der Basis umfangreichen archivischen Materials Integrationsprozesse im Sinne einer Kulturgeschichte des Politischen als kommunikativen Vorgang begreift, in dem Akteure unterschiedlicher sozialer Position aktiv partizipieren.
Dissertationsprojekt
Nils Jochum
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Historisches Seminar
Die Heidelberger Kommunalverwaltung im Nationalsozialismus
Städte und Gemeinden waren zwischen 1933 und 1945 keine bloßen Vollzugsorgane eines Berliner Staats- und Parteiwillens, sondern konnten auch in der polykratischen Herrschaftsstruktur der NS-Diktatur als eigenständige Akteurinnen wirken und trugen so gleichzeitig zur Systemstabilisierung bei. Die Kommunen waren für das Funktionieren des Alltagslebens und die Versorgung der Bürger:innen verantwortlich, besaßen durch vielseitige Vernetzung aber auch auf regionaler und nationaler Ebene Einflussmöglichkeiten zur Verfolgung eigener Interessen.
Die Arbeit nimmt die kommunale Personalentwicklung und die Spielräume der städtischen Beamt:innen, Angestellten und Arbeiter:innen in ihren vielseitigen Handlungsfeldern von Versorgung bis Verfolgung in den Blick. Welche Rolle spielten sie für das „Funktionieren“ der nationalsozialistischen Herrschaft in einer bürgerlichen Universitäts- und Mittelstadt, auch während des Krieges? Wie wirkte die kommunale Verwaltung dazu in die Stadtgesellschaft hinein und wie versuchte sie ihre Stadt gegenüber Partei, Wirtschaft, Landes- und Reichsbehörden zu positionieren?
Dissertationsprojekt
Diana Kail
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Historisches Seminar
Die Staatsanwaltschaften Mosbach, Heidelberg und Mannheim im Nationalsozialismus
Das Dissertationsprojekt untersucht Handeln und Alltag der Staatsanwaltschaften in Nordbaden zwischen 1933 und 1945. Während die historische und rechtshistorische Forschung bislang vor allem den Volksgerichtshof, die Sondergerichte sowie die Beteiligung von Richtern an NS-Verbrechen thematisiert hat, bleibt die Arbeit der Staatsanwaltschaften auf regionaler Ebene ein weitgehend unerschlossener Forschungsgegenstand. Am Beispiel der Staatsanwaltschaften in Mosbach, Heidelberg und Mannheim werden in vergleichender Perspektive das staatsanwaltliche Handeln, der Umgang mit politischen Vorgaben sowie die Auswirkungen nationalsozialistischer Steuerung auf die Ermittlungs-, Anklage- und Vollstreckungsarbeit analysiert. Methodisch kombiniert das Projekt verschiedene analytische Zugänge und stützt sich auf umfangreiche Ermittlungs- und Verfahrensakten sowie Personal- und Verwaltungsdokumente. Ziel der Studie ist es, die Rolle dieser Behörden zwischen Anpassung, Kooperation und eigenständigem Handeln im institutionellen Alltag des NS-Rechtsstaats differenziert herauszuarbeiten.
Dissertationsprojekt
Johannes Kaiser
Universität Heidelberg, Historisches Seminar
Die NS-Verfolgung von Sinti und Roma in Baden
Ausgangspunkt des ins Auge gefassten Dissertationsprojekts ist meine Forschung zur nationalsozialistischen Verfolgung von Sinti und Roma in Karlsruhe. Darin wurde die Verfolgungspraxis der städtischen Behörden und der Kriminalpolizeistelle (KPSt) Karlsruhe im Stadtgebiet zwischen 1933 und 1945 untersucht. Mein Ansinnen ist es nun, diesen Untersuchungsgegenstand zeitlich und räumlich auszuweiten. Zeitlich soll insbesondere die Zeit vor 1933 untersucht werden, um die Entwicklung hin zu Verfolgung und Vernichtung in der Zeit des Nationalsozialismus zu verstehen. Obwohl in der öffentlichen Verwaltung im Allgemeinen und der Kriminalpolizei im Speziellen erhebliche personelle wie auch praktische Kontinuitäten nach 1945 festzustellen sind, bleibt mit 1945 der Endpunkt des Untersuchungszeitraums bestehen. Räumlich wird der Untersuchungsgegenstand auf das Land Baden erweitert, unter anderem, um Lücken in der Aktenüberlieferung zu überbrücken und die sich daraus ergebenden Forschungsdesiderate zu schließen. Zudem bietet der breitere regionale Ansatz eine vergleichende Perspektive auf die lokale Verfolgungspraxis.
Dissertationsprojekt
Eva-Maria Klein
Universität Stuttgart, Historisches Institut, Abt. Landesgeschichte
Konfliktlösung auf dem Rechtsweg: Kommissionen des württembergischen Oberrats als herrschaftliches Mittel zur Konfliktlösung
Der Oberrat als höchstes Verwaltungsgericht in Alt-Württemberg befasste sich zwischen der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum Ende des Herzogtums mit weit über 1300 Konfliktfällen. Dabei ging es überwiegend um Auseinandersetzungen mit lokalen herzoglichen Amtsträgern und um innerkommunale Konflikte, die zumeist ohne Militäreinsatz befriedet werden konnten. Das Instrument zur Konfliktbeilegung auf dem Rechtsweg war die Kommission.
Am Beispiel von Konflikten in der Stadt Sindelfingen im 17. und 18. Jahrhundert geht es um diese Fragen: Welche lokale Konstellation ließ die Einsetzung einer Kommission von Seiten der Kommune wie auch der herzoglichen Verwaltung erforderlich erscheinen? Wie verlief eine Kommission vor Ort? Welche Konfliktlinien lassen sich erkennen? Und die wichtigste Frage: Wie erfolgreich waren Kommissionen zur Wiederherstellung des kommunalen Friedens?
Dissertationsprojekt
Lisa Neumann
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Historisches Seminar, Abt. Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts
Die weiblichen Abgeordneten des deutschen Südwestens im 20. Jahrhundert – Zäsuren und Kontinuitäten politischer Praxis 1919–1980
Zwei Faktoren trugen dazu bei, dass Politikerinnen des etablierten Politikbetriebs – wie die weiblichen Landtagsabgeordneten des deutschen Südwestens – aus dem Blickwinkel der historischen Forschung gerieten. Zum einen führte die Erweiterung des politischen Partizipationsbegriffs der historischen Frauen- und Geschlechterforschung dazu, dass andere Frauen und Frauengruppen in den Fokus rückten. Zum anderen wird oftmals der geringe Anteil von Frauen in den Parlamenten mit ihrer politischen Bedeutungslosigkeit gleichgesetzt. Vorhandene Untersuchungen über die Landtagspolitikerinnen konzentrieren sich lediglich auf die Biografien der einzelnen Frauen, während ihre Abgeordnetentätigkeit nach wie vor unerforscht ist. Dieser Forschungslücke nimmt sich die geplante Dissertation an und untersucht die südwestdeutschen Landespolitikerinnen und ihre politische Arbeit von 1919 bis 1933 (Volksstaat Württemberg, Republik Baden), von 1946 bis 1952 (Württemberg-Hohenzollern, Württemberg-Baden, (Süd-)Baden) und von 1952 bis 1980 (Baden-Württemberg). Dazu werden jeweils Abgeordnetenprofile erstellt und die politische Arbeit – Redebeiträge, Anträge und Anfragen – im Landtag sowie die Tätigkeiten innerhalb der jeweiligen Parteiorganisationen untersucht. So können Zäsuren und Kontinuitäten von Biografien und politischer Praxis der ersten knapp 60 Jahre andauernden weiblichen Abgeordnetentätigkeit herausgestellt werden.
Dissertationsprojekt
Joey Rauschenberger M.A.
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Historisches Seminar, Forschungsstelle Antiziganismus
Wiedergutmachung für Sinti und Roma. Entschädigung von NS-Unrecht in Baden-Württemberg 1945–1975 als Verwaltungspraxis
Die Arbeit richtet den Blick auf die Zeit nach dem Genozid an den europäischen Sinti und Roma und erforscht die Entschädigung der Überlebenden in Baden-Württemberg und seinen Vorgängerländern. Damit soll ein exemplarischer Beitrag zum besseren Verständnis vom Umgang der deutschen, ehemaligen Tätergesellschaft mit der Minderheit nach 1945 geleistet werden. Drei Erkenntnisziele stehen im Vordergrund: Erstens fehlt es der verbreiteten These einer „verweigerten Wiedergutmachung“ für Sinti und Roma bisher an empirischer Substanz. Die Auswertung von knapp 400 Einzelfallakten der vier Landesämter für die Wiedergutmachung soll hierbei Abhilfe schaffen. Darüber hinaus soll die Studie die allgemeine Wiedergutmachungsforschung voranbringen, indem sie die Verfahrensausgänge in ihre administrativen Kontexte einordnet. Dafür wird zweitens eine Kulturgeschichte von Verwaltungshandeln angestrebt, die die Arbeitsabläufe und Routinen der Wiedergutmachungsämter fokussiert und damit die vernachlässigte Praxisgeschichte der Entschädigung von NS-Unrecht beleuchtet. Drittens soll an den Personalakten der baden-württembergischen Wiedergutmachungsverwaltung erstmals das soziale Profil des Entschädigungspersonals gruppenbiografisch sichtbar gemacht werden.
Dissertationsprojekt
Florian Schreiber M.A.
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Institut für Fränkisch-Pfälzische Geschichte und Landeskunde
Fürst – Universität – Geld. Eine vergleichende Untersuchung der Finanzen der Universitäten Heidelberg und Freiburg bis zum Ausbruch des Dreißigjährigen Kriegs
Der Erfolg von Universitätsgründungen des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit war in hohem Maße von einer ausreichenden Finanzierung abhängig. Dabei war es vor allem Aufgabe des im Heidelberger und Freiburger Fall fürstlichen Initiators, eine suffiziente wirtschaftliche Grundlage zur Verfügung zu stellen. Freilich unterlagen die universitären Finanzen immer wieder der landesherrlichen Kontrolle und boten mithin die Möglichkeit fürstlichen Zu- und Eingriffs auf und in die Universität. Das Verhältnis von Fürst, Fürstentum und Universität am Beispiel der Universitäten Heidelberg (Kurpfalz/Wittelsbacher) und Freiburg (Vorderösterreich/Habsburger) aus dieser ökonomischen Perspektive vom Spätmittelalter bis zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges zu beleuchten, ist Ziel des Dissertationsprojekts. Dabei wird nicht nur eine systematische, diachrone und komparative Finanzgeschichte angestrebt, sondern auch der Frage nachgegangen, welche Rolle das Geld in der Berufungspraxis und der Ermöglichung des Studiums durch Stipendienstiftungen spielte. Inwieweit diese Aspekte mit der Förderung des Fürstentums begründet wurden und welchen Einfluss die landesherrliche Konfessionspolitik auf die Universitätsfinanzen hatte, sind weitere Kernfragen der Arbeit.
Dissertationsprojekt
Alexander Staib
Universität Stuttgart, Historisches Institut, Abt. Landesgeschichte
Oratorische Performanz protestantischer Prediger in Württemberg (1650–1750)
Die Arbeit beschäftigt sich mit der oratorischen Performanz protestantischer Prediger im Herzogtum Württemberg in der Zeitspanne von circa 1650 bis 1750. Unter oratorischer Performanz wird das Halten einer Rede – in diesem Fall der Predigt durch einen Pfarrer – verstanden. Im Untersuchungszeitraum herrschten dafür besondere Bedingungen: Zum Ersten nahm die Kanzelrede eine zentrale Rolle im Protestantismus ein. Zum Zweiten setzt das Projekt weit vor der Erfindung von Mikrofon und Lautsprecher an. Für die Prediger herrschten daher mit Blick auf die Verständlichkeit gänzlich andere Voraussetzungen als heute.
Ziel des Dissertationsvorhabens ist es, sowohl die vorherrschenden oratorischen Normen als auch die Durchsetzung derselben zu beleuchten. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf den typischen Bildungsweg der württembergischen Theologen gelegt. Durch die Analyse verschiedener Quellen wird die Frage geklärt, wie die angehenden Seelsorger darin geschult wurden, Predigten vor den Gemeinden zu halten. Ausgewählte Praxisbeispiele unterschiedlicher Pfarrer ergänzen die Untersuchung – und liefern Einblick in Konflikte, die aus einer schlechten oratorischen Performanz resultierten.
Dissertationsprojekt
Louisa van der Does M.A.
Universität Mannheim, Historisches Institut, Lehrstuhl für Zeitgeschichte
Die Neunzehnte. Eine Straße im Rotlicht. Mannheims Bordellgasse im 20. Jahrhundert
In den 120 Jahren ihres Bestehens ist die „Neunzehnte“ (19. Querstraße, Mannheim Neckarstadt-West) Ort der Bordellprostitution in Mannheim. Das Projekt untersucht die Geschichte des Prostitutionsortes aus raumtheoretischer Perspektive, wobei sich die Frage nach den Machtstrukturen stellt, denen er unterworfen ist. Diese konfigurieren sich im Spannungsfeld zwischen Ordnungsmacht und Prostitutionsszene und unterliegen starken Schwankungen, woraus nicht zuletzt die insgesamt viermalige Schließung und Wiedereröffnung der Straße in den Jahren 1924-1968 resultiert. Auch in Phasen der Duldung von Prostitution, die sich je nach politischem System unterschiedlich gestaltet, ist die Bordellstraße eine Zone, in der verschiedenste Akteure ihre Interessen durchzusetzen bemüht sind, weshalb der Status quo stets Kompromisscharakter hat. Als Ort der ungleichen Machtdynamiken prägt er zudem Biographien, die von sozialen Stigmata und intersektionaler Diskriminierungserfahrung erzählen.
Dissertationsprojekt
Verena Weller M.A.
Universität Mannheim, Historisches Institut, Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte
Die Rolle der Frauen in der vormodernen Kreditwirtschaft. Fallstudien anhand der Notariatsregister von Montpellier des 13. und 14. Jahrhunderts
The rich tradition of medieval sources of the Mediterranean city of Montpellier marks the starting point of this dissertation project.
Women appeared as economic actors with great regularity in the pre-modern era. Recently, the role of women in financial history has become a particular focus of research. Across Europe, women played important roles in financial operations. Attention has shifted from looking at high finance to concentrating on more everyday examples of small financial transactions reflecting that extending and requiring credit was an omnipresent experience.
The project explores the economic activities of “normal” women in the credit sector through the notarial registers of Montpellier from the 13th and 14th centuries. These sources can be considered fragments of memory and practical evidence of the everyday life of people in medieval Montpellier. What is the social background of women who were active and what roles did they play? From which economic sectors did they come? The study examines aspects including comparisons between male and female credit practices, the identification of economically active women in Montpellier, and the methods of Jewish moneylenders.
Dissertationsprojekt
Stefanie Wenzel
TU Dresden, Philosophische Fakultät, Institut für Geschichte
„tutela“ und „administratio“ – Herrschaftspartizipation in Savoyen und Württemberg
(1400-1700)
Plötzliche Todesfälle und Erkrankungen konnten die Erbfolge und die Herrschaftssicherung einer Dynastie gefährden. Daher nutzten die adeligen Familien das Instrument der vormundschaftlichen Regentschaft, also eine Form der stellvertretenden Herrschaftsausübung, um die dynastische Kontinuität aufrecht zu erhalten und die Herrschaftsrechte der Dynastie zu bewahren. Da es auf Reichsebene für die Fürstentümer keine rechtlichen Vorgaben gab, wurden die Regentschaften und ihre Ausgestaltung in den jeweiligen Territorien verhandelt. Die temporären Herrschaftsausübungen waren im frühneuzeitlichen Reich weit verbreiteter, als man es aufgrund der spärlichen Forschungslage erwarten würde. Nur zu Hessen existiert bisher eine diachrone Studie zu den Regentschaften.
In der Arbeit werden daher die vormundschaftlichen Regentschaften zweier weiterer Herrschaftsräume untersucht – Savoyen und Württemberg – und die Fallbeispiele systematisch miteinander verglichen. So sollen die Besonderheiten des Einzelfalls sowie die allgemeinen Charakteristika und Entwicklungen in einem Territorium und als Gesamtphänomen auf Reichsebene sichtbarer werden.
Dissertationsprojekt
Marius Wieandt
Universität Stuttgart, Historisches Institut, Abt. Landesgeschichte
Bürgerliches Engagement in der Sozialen Frage in Stuttgart während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Die gesellschaftlichen und ökonomischen Umbrüche des 19. Jahrhunderts stellten die Zeitgenossen vor Herausforderungen, die im Zusammenhang mit Präkarisierung und massenhafter Verelendung als die „Soziale Frage“ bezeichnet werden. Neben Staat und Kirche engagierten sich in wohltätigen Vereinen auch viele privilegiertere Privatpersonen zur Abwehr und Linderung der Folgen für minderbemittelte Gruppen.
Das Dissertationsprojekt untersucht diese Wohltätigkeitsvereine im Hinblick auf ihre innere Verfassung, ihre Kommunikationspraxis und Öffentlichkeitsarbeit, die Verflechtungen innerhalb der Vereine und mit der öffentlichen Wohltätigkeit sowie Bilder und Diskurse der engagierten bürgerlichen Gesellschaft über die Armut.
Die Quellenbasis dieser Betrachtungen stellen neben den Unterlagen der Vereine und damit zusammenhängendem Behördenschriftgut auch publizistische Erzeugnisse, Briefe und Denkschriften dar. Durch die Pluralität der Zugriffe ergibt sich ein ganzheitliches Bild der Praxen und Strategien des bürgerlichen Engagements in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Sonderstipendium
Aus Mitteln der Landesgraduiertenförderung kann die Kommission für geschichtliche Landekunde in Zusammenarbeit mit der Graduiertenakademie der Universität Heidelberg an überdurchschnittlich qualifizierte Bewerberinnen und Bewerber ein Sonderstipendium zur geschichtlichen Landeskunde Baden-Württembergs vergeben. Förderungsfähig sind Promotionsvorhaben zu Themen und Phänomenen aus dem historisch-geographischen Raum, der vom heutigen Bundesland Baden-Württemberg abgedeckt wird.
Aktuell ist das Stipendium vergeben. Sobald es neu ausgeschrieben wird, finden Sie hier alle Infomationen.
Unsere Stipendiat*innen
Daniel Abendschein
Simon Sulzer. Herkunft, Prägung und Profil des Basler Antistes und Reformators in Baden-Durlach
Stuttgart 2019
(Veröffentlichungen zur badischen Kirchen- und Religionsgeschichte, Bd. 9)
Steffen Kaiser
Vom regionalen zum globalen Markt. Politische, gesellschaftliche und marktwirtschaftliche Wandlungen im württembergischen Agrarsektor 1848-1914. Ostfildern 2022
(Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Reihe B: Forschungen, Bd. 230)
Sarah Schneider
Nationalsozialistische Zwangssterilisation in Karlsruhe (Arbeitstitel)
Johannes K. Staudt
Rural Cultures of Innovation and the Emergence of European Capitalism: Clock and Watch Making in the Black Forest and the Jura (Arbeitstitel)
Diana Kail
Die Staatsanwaltschaften Mosbach, Heidelberg und Mannheim im Nationalsozialismus (Arbeitstitel)